Kontakt

Hörtipp: Schulterschmerzen – was hilft wirklich?
Dr. Sophia Hünnebeck erläutert in der Sendung „Natürlich Gesund“ auf Radio Paradiso, warum die Schulter häufig schmerzt, welche Ursachen dahinter stecken und ob man immer operieren muss.
Warum schmerzt die Schulter so häufig? Welche Ursachen stecken dahinter – Verspannungen, Sehnenprobleme oder Arthrose? Und muss eine schmerzhafte Schulter immer operiert werden?
Dr. Sophia Hünnebeck, Oberärztin für Orthopädie mit Schwerpunkt Obere Extremität, Hand- und Mikrochirurgie am Immanuel Krankenhaus Berlin in Wannsee, beantwortet diese Fragen in der Radiosendung „Natürlich Gesund“.
Die Sendung können Sie direkt hier als Audio nachhören.
Schulterschmerzen
Warum Schulterschmerzen so häufig sind und was wirklich hilft, darüber spricht Expertin Dr. med. Sophia M. Hünnebeck in der Sendung „Natürlich gesund“.
Julia Nogli:
Radio Paradiso und natürlich gesund. Mein Name ist Julia Nogli und heute geht es um Schulterschmerzen, warum sie so häufig sind und was da wirklich hilft. Mein Gast im Studio ist Dr. Sophia Hünnebeck, Oberärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie in der Abteilung obere Extremität Hand- und Mikrochirurgie im Immanuel Krankenhaus Berlin. Hallo, ich grüße Sie. Hallo, guten Abend. Ja, warum sind denn Schulterschmerzen so häufig?
Was kann da los sein?
Sophia Hünnebeck:
Die Schulter ist per se ein sehr vielseitig belastetes Gelenk, kann man erst mal sagen, und ist einerseits sehr viel mehr Belastung als die anderen Gelenke der oberen Extremität ausgesetzt, weil sie natürlich die ganze Kraft der Hand aufnimmt. Und wenn man sich vorstellt, dass man am ausgestreckten Arm zum Beispiel etwas festhält oder auffängt, dann wirkt über den Hebelarm sehr viel mehr Kraft auf das Schultergelenk ein als dann auf die Hand per se. Und dann ist es so, dass das Schultergelenk unter unseren Kugelgelenken am Körper eine besondere Rolle einnimmt.
Es ist sehr wenig Knöchern geführt. Das heißt, die Pfanne ist in Relation zum Kopf sehr klein. Und dadurch haben die Sehnen und Muskeln drumherum und auch der Wandapparat eine sehr viel größere Belastung und auch eine sehr viel größere Bedeutung als an anderen Gelenken.
Dadurch kann aber natürlich auch mehr kaputt gehen und gibt es sehr viele, sehr viele Strukturen, die überlastet werden können, auch Schaden nehmen können. Und entsprechend gibt es verschiedene Pathologien, die die Schulter zeigen kann.
Julia Nogli:
Also auch ganz jenseits vom Unfall, zum Beispiel Fahrradunfall oder so.
Sophia Hünnebeck:
Absolut. Es muss nicht immer ein Unfall sein. Es können natürlich auch ganz klassische Überlastungssituationen sein oder immer wiederkehrende Belastungen, die dann irgendwann auch zu einem kleinen Trauma führen.
Julia Nogli:
Und wie macht sich das denn bemerkbar? Also Schmerzen? Ja, aber wo und in welcher Dauer und in welcher regelmäßigen Tätigkeit?
Sophia Hünnebeck:
Also prinzipiell sind das erst mal Schmerzen, die in der Schulterregion auftreten. Das ist auch manchmal etwas irreführend, weil die Schultern auch mal Schmerzen produzieren, die nicht genau nur an einem Punkt Schmerzen machen, sondern es ist letztlich natürlich ein Muskelapparat und es versuchen erst mal bei Schmerzen andere Muskeln auch Funktionen mitzuübernehmen. Und so merkt man manchmal auch, wenn etwas in die falsche Richtung oder nicht mehr in der Balance ist.
Das merkt man nicht immer direkt und dann wird das oft lange vom Körper kompensiert und dann treten Schmerzen auf. Und dann sind die manchmal sehr unspezifisch auch am Schultergelenk. Und das muss man unterscheiden zwischen Schmerzen, die dann auch über die Schulter hinaus ausstrahlen, wo man dann auch von uns Ärztinnen Seite differenzieren muss.
Kommt es wirklich von der Schulter oder ist es ein Schmerz, der von anderen Gelenken oder auch der gesamten Bewegungskette fortgeleitet ist? Aber der Schulter, die Schulter selbst hat diverse Schmerzpunkte, die sich melden können. Klassische Schmerzpunkte wären zum Beispiel vorne am Schultergelenk oder an der Seite.
Das ist was relativ Häufiges, wo sich viele verschiedene Ursachen von Erkrankungen am Schultergelenk hin projizieren, sozusagen, oder wo man das dann merkt. Um das Schulterblatt herum äußert sich auch einiges. Gerade Verspannungsschmerzen verspürt man häufig am Schulterblatt.
Also es gibt viele Punkte, wo die Schulter wehtun kann.
Julia Nogli:
Zum Beispiel dann beim Armheben. Da zwickt dann was irgendwie.
Sophia Hünnebeck:
Genau dieser dieser Armhebeschmerz ist ja ein ganz bekannter Schmerz, den man so als Schulterarmsyndrom benennt oder wo viele viele auch der Begriff Impingement ist. Natürlich ist vielen geläufig, obwohl ein medizinischer Begriff ist, dass es so dieses Einklemmungsphänomen beim Armheben, was dann klassischerweise so ab der Horizontalen richtig wehtut. Und das ist sicherlich einer der häufigsten, ja, Erkrankungsbilder, die die Menschen so haben.
Julia Nogli:
Und da wird man ja erst mal denken, ach, das geht bestimmt wieder weg und noch eine Weile abwarten, oder?
Sophia Hünnebeck:
Genau, das ist ja auch erst mal absolut richtig. Also man muss nicht immer an Tag eins auch gleich in die ärztliche Praxis gehen. Gerade wenn man keinen Unfall hatte oder was Spezifisches passiert ist, ist das, glaube ich, auch ganz normal und auch völlig richtig, dass man erst mal beobachtet, was daraus überhaupt wird und ob das wirklich was Schlimmeres ist oder eine wirkliche Schultererkrankung oder ob das jetzt eher etwas überlastet ist, was sich auch von alleine wieder bessert.
Julia Nogli:
Ja, aber wenn es dann doch Wochen, Monate andauert, dann doch mal gucken lassen. Und was kann es sein, was diesen Schmerz auslöst und da irgendwie kaputtgegangen ist oder überlastet ist?
Sophia Hünnebeck:
Also wie ich eben schon kurz angedeutet habe, gibt es viele Strukturen, die gerade bei den Überlastungssyndromen geschädigt werden können, was sehr viel Schmerzen bereitet als Reaktion ist immer der Schleimbeutel unter der Schulter zum Beispiel, der bei verschiedenen, also zum Beispiel bei Sehnenrissen oder auch Sehnenüberlastungen, aber auch anderen degenerativen Erkrankungen zum Beispiel als Reaktion mit entzündet wird.
Das macht sehr viel Schmerz, dass der Schmerz sitzt genau oberhalb dem Oberarmkopf, also genau da, wenn man den Arm hebt, wo man nochmal Druck drauf bringt und den Raum zusätzlich eng macht. Und das macht dann meist diesen akuten Schmerz. Der Schleimbeutel ist oft dann mitentzündet bei den verschiedensten Ursachen, auch bei diesem Schulterarmsyndrom zum Beispiel oder auch wenn man eine Kalkschulter hat zum Beispiel, reagiert das massiv mit und all diese Dinge machen diesen Raum unter dem Schulterdach eng und machen dann oder kreieren dort einen dann wirklich manchmal sehr starken Schmerz.
Julia Nogli:
Kalkschulter bilden sich da so Kügelchen oder?
Sophia Hünnebeck:
Ja, das sind Kalkablagerungen in der Sehne, die man auch wirklich ganz deutlich sieht im Röntgenbild zum Beispiel. Und das nimmt Raum ein in der Sehne, die eine richtige Raumforderung, die sich dann dort bildet und die natürlich dann aufträgt und entsprechend auch Schmerzen macht, wenn man es dann bewegt. Und dieser Schmerz ist extrem stark.
Der ist so stark, dass das Menschen nachts in die Notaufnahme treibt, weil man denkt, man hat einen Herzinfarkt. Weil es so ausstrahlt. Weil das so ausstrahlt und gemeinhin man ja sagt, auch gerade bei Frauen, dass man ja achten muss, dass Herzinfarkte auch mal in die Schulter oder in die Magengegend ausstrahlen.
Das stimmt natürlich auch. Aber in dem Fall ist es dann, kann man ein einfaches Röntgenbild machen oder auch eine Ultraschalluntersuchung und dann sieht man dieses Kalkdepot und dann hat man eine relativ einfache und erst mal auch nicht so gefährliche Erklärung für doch sehr, sehr starke Schmerzen.
Julia Nogli:
Okay. Welche Rolle spielt Arthrose, die man ja so von der Hüfte gut kennt und von den Fingergelenken? Das gibt es da auch.
Absolut.
Sophia Hünnebeck:
Spielt auch eine sehr große Rolle am Schultergelenk. Letztlich ist die Arthrose, kann die an zwei Stellen auftreten an der Schulter. Einmal in dem großen Schultergelenk selbst, also an dem großen Kopf und der Pfanne.
Und dann gibt es das sogenannte Schulternebengelenk oder Schultereckgelenk, was sich oben zwischen dem Schlüsselbein und dem Fortsatz vom Schulterblatt bildet. Das kann man so fühlen, wenn man oben auf die Schulter drauf tastet, ist bei vielen ein bisschen prominenter und das neigt auch sehr zu Degenerationen und im Laufe des Lebens haben bis zu 80 Prozent der Bevölkerung tatsächlich in diesem Nebengelenk Arthrose. Das heißt aber nicht, dass alle damit Beschwerden bekommen.
Das ist auch das ist wie bei jeder Arthrose. Es gibt Menschen, die haben ganz schreckliche Röntgenbilder, so mal auf gut Deutsch gesagt, aber haben sehr wenig Symptome. Und dann gibt es andere Menschen, die haben gar nicht sehr viel Arthrose im Röntgenbild oder auch in anderer Bildgebung, haben schon sehr viele Symptome.
Beim Schultereckgelenk läuft es häufig ohne große Symptome ab. Aber wenn es mal in einen Entzündungsprozess gerät, ist es extrem schmerzhaft und auch da bei jeder Bewegung merkt man das. Im Schultergelenk selbst kann man natürlich auch Arthrose bekommen.
Da bildet sich der Knorpel zurück, also um auch mal darauf einzugehen. Die Arthrose ist ja letztlich eine Degeneration des Knorpels. Der Knorpel geht kaputt und dadurch nutzt er sich ab und irgendwann reibt Knochen auf Knochen.
Der Körper versucht, sich so zu behelfen, macht knöcherne Anbauten an anderen Stellen. Die stören dann aber noch zusätzlich und schränken auch die Beweglichkeit ein. Da hat man den Schmerz in Kombination mit einer zunehmenden Bewegungseinschränkung.
Und das schränkt natürlich im Alltag extrem ein. Wenn man die Schulter nicht mehr bewegen kann, kann man keine Gegenstände mehr aus dem Schrank nehmen. Man kann sich zum Teil die Haare nicht mehr kämmen.
Man kann sich ganz alltäglich den Po auch nicht mehr gut abwischen. Und das ist natürlich etwas, da kann man dann schon von ärztlicher Seite sehr gut weiterhelfen. Aber das treibt natürlich auch Menschen in die ärztliche Praxis.
Julia Nogli:
Die Dinge, die Sie da gerade so beschrieben haben, das sind nicht unbedingt Erkrankungen der älteren Menschen. Das kann auch in früheren Jahren kommen.
Sophia Hünnebeck:
Absolut. Also es gibt natürlich auch immer wieder Formen von Arthrose, die auch junge Menschen ereilen, insbesondere wenn man in jungen Jahren mal ein Trauma gehabt hätte, sich vielleicht auch mal die Schulter gebrochen hat oder ausgekugelt. Das ist ja auch etwas, was häufig junge Menschen betrifft.
Das Schulter-Eckgelenk hat auch ein Bandapparat. Auch das kann man sprengen, so nennt man das dann, also voneinander trennen. Auch das sind alles Situationen, die dann die Anatomie in den Gelenken etwas verändern und dann sehr früh auch zu Arthrose führen können.
Julia Nogli:
Ja, und was können Sie dann dann machen? Das hängt natürlich sehr davon ab, was es ist. Sie sind jetzt in der Chirurgie, aber wahrscheinlich wird dann erstmal konventionell was versucht.
Also was kann man bei den einzelnen Beschwerden machen?
Sophia Hünnebeck:
Also gerade bei diesen degenerativen Erkrankungen oder auch Überlastungssyndrom, die wir jetzt angesprochen haben, steht natürlich die konservative Therapie an erster Stelle. Also primär sind das allgemeine Orthopädinnen und Orthopäden, die das behandeln mit Physiotherapie, selbst Bewegungsübungen, die man zu Hause machen kann. Schmerztherapie bei Bedarf spielt einen großen Faktor.
Es gibt am Ende des Tages, das muss man auch wissen, keine konservative Behandlung, die den Knorpel ersetzt und auch keine wirkliche operative Behandlung. Also so weit sind wir in der Medizin leider noch nicht. Das heißt, es gibt dann noch viele Leistungen, die man so auf dem medizinischen Markt beziehen kann, die alle ihren Stellenwert haben.
Und es gibt, das ist auch sehr vom Erfahrungsschatz der einzelnen Behandelnden unterschiedlich, womit man dann gute Erfahrungen gemacht hat. Man kann sich auch dann in Feldern der Naturheilkunde wirklich sehr austoben. Da gibt es auf jedem Gebiet sehr viele Mittel, die dem einen helfen und der anderen vielleicht auch nicht.
Julia Nogli:
Ich sage immer so schön, wer heilt, hat Recht auf diesem Gebiet. Okay, und wenn es dann doch zu einem Eingriff kommt, zum Beispiel bei an der Sehne, was verkalkt ist, was machen Sie da?
Sophia Hünnebeck:
Also wenn an der Seele was verkalkt ist, ehrlicherweise kommt es sehr selten zu einem Eingriff. Das ist tatsächlich was, was nur in aller aller wenigsten Fällen tatsächlich auf dem OP-Tisch endet, weil der Körper die Kalkdepots in fast allen Fällen selbst wieder auflösen kann. Ach schön.
Und das ist manchmal ein sehr langwieriger und auch schmerzhafter Prozess. Aber es passiert eigentlich immer und nur ganz, ganz selten, wenn dieser Prozess Jahre dauert sozusagen und man dann natürlich auch Patientinnen und Patienten Mürbe macht. Das muss man auch verstehen.
Dann helfen wir operativ nach. Aber primär einmal versuchen wir, die Kalbsschultern konservativ zu begleiten.
Julia Nogli:
Also Sie stoßen das aber an, diese Entwicklung, dass das abgebaut wird.
Sophia Hünnebeck:
Man kann das anstoßen mit Stoßwellentherapie zum Beispiel, also im wahrsten Sinne des Wortes anstoßen. Das soll dazu dienen, dass der Körper die lokale Entzündungsreaktion noch verstärkt, um dann durch Entzündungsreaktion macht zum Beispiel auch einen Aufbau von Blutgefäßen, die dann wieder mehr Chance haben, das gemeingesagt abzutransportieren, sozusagen. Die Kalkschulter macht verschiedene Stadien durch und da ist der Körper schon fähig, das aufzulösen.
Auch das Depot, das kann man im Röntgenbild dann auch so verfolgen und irgendwann schafft der Körper das auch. Aber manchmal dauert das eben sehr, sehr lange. Und da versteht man schon, dass das dann auch wirklich eingreifend ist und auch in den Alltag der Menschen eingreifend ist.
Und da helfen wir operativ nach. Das kann man minimalinvasiv machen. Tatsächlich arthroskopisch, das ist mittlerweile ja bei sehr, sehr vielen Erkrankungen am Schultergelenk auch gut möglich, wo wir mit einer Kamera in das Gelenk schauen können und dann solche Kalkdepots zum Beispiel ausschaben können oder eben auch andere Pathologien an der Schulter arthroskopisch behandeln können.
Julia Nogli:
Ja, und wie genau? Also Sie haben ja gesagt, Bandapparatmuskeln, da ist ganz viel mit im Spiel. Irgendwo ist jetzt was nicht mehr in Ordnung, hat sich womöglich auch gelöst, eine Sehne oder so.
Und da können Sie was machen.
Sophia Hünnebeck:
Ja, absolut. Da kann man sehr viel machen. Das macht aus chirurgischer Sicht durchaus auch Spaß.
Aber machen wir natürlich nur dann, wenn das absolut notwendig ist. Bei Sehnenrissen, die Sie jetzt ansprechen, ist das sehr häufig notwendig. Das ist so.
Das ist ja so. Die Sehne ist der Fortsatz der Muskulatur, die dann am Knochen ansetzt. Und jede Muskulatur, das weiß man ja, hat eine Vorspannung.
Und wenn man sich jetzt vorstellt, die Sehne reißt, zieht der Muskel ja weiter ran und dadurch zieht sich die Sehne zurück. Und dann liegt sie nicht mehr an der Struktur, also in dem Fall dem Knochen an, wo sie anheilen sollte. Und wenn etwas nicht dort liegt, wo es anheilen soll, kann es natürlich nicht anheilen.
Das ist der Grund, warum Sehnenrisse häufig auf dem Op-Tisch enden. Weil was wir dann in der Operation machen, ist die Sehne wieder an den Knochen dranbringen, damit sie dort dann wieder anheilen kann. Das ist mal so die Grundvoraussetzung.
Und da die Sehnen und Muskulatur am Schultergelenk eine so wichtige große Rolle spielen für die Beweglichkeit, ist es da extrem wichtig, dass, wenn es eine Chance gibt, sie wieder herzustellen und sie wieder zu refixieren, dass das auch wirklich gemacht wird. Und das ist tatsächlich eins, um jetzt die Brücke zu schlagen zu ihrer Eingangsfrage, etwas, wo man nicht allzu lange warten sollte. Also wenn es tatsächlich einen Unfall gab oder so starke Schmerzen, die schnell zunehmen, kombiniert mit einer Bewegungseinschränkung und auch einem Kraftverlust, dann sollte man sich schon zügig ärztlich vorstellen, damit nachgeschaut wird, ob ein solcher Sehnenriss vorliegt, damit man dann auch zügiger operativ eingreifen kann.
Julia Nogli:
Und bei der Arthrose zum Beispiel. Also Sie können ja den Knorpel nicht ersetzen. Ich glaube, es geht ja nicht.
Aber Sie können Teile des Schultergelenks ersetzen, wenn es ganz schlimm kommt sozusagen oder die ganze Schulter. Das gibt es auch.
Sophia Hünnebeck:
Absolut. Also wenn die Arthrose weiter fortschreitet und die konservative Therapie und auch die Schmerztherapie nicht mehr fähig ist, die Symptome zu kontrollieren, dann kommt die Schulterendoprothetik ins Spiel. Also es gibt sehr gut funktionierenden künstlichen Gelenkersatz am Schultergelenk.
Und wir haben sogar zwei Prothesen-Modelle mittlerweile, die sehr gut funktionieren und die schön sind, weil wir da ja auch wieder auf diese Problematik oder auch Chance der Sehnenfunktion am Schultergelenk eingehen müssen. Es gibt die eine Variante, dass die Arthrose ganz alleine entsteht. Zu sagen, dass es tatsächlich nur den Knorpel sozusagen betrifft und der Sehnen- und Muskelapparat herum ist noch vollkommen in Ordnung.
Dann kann man das Schultergelenk ersetzen, indem man die Pfanne ersetzt und den Oberarmkopf ersetzt, so wie es in der normalen Anatomie auch ist. Das nennt man anatomischen Schultergelenksersatz. Und dann funktioniert das wieder sehr gut.
Das klappt super. Die andere Variante ist aber, dass Menschen kommen und es ist nicht nur der Knorpel betroffen und es hat nicht nur eine Degeneration am Knochen stattgefunden, sondern auch die Sehnen sind nicht mehr funktionstüchtig, sei es durch fortgeschrittenes Alter, ältere Traumata, zum Beispiel ein Sehnenriss, der übersehen wurde oder gar nicht gespürt wurde. Das passiert tatsächlich manchmal auch.
Und dann haben wir die beiden Erkrankungen zusammen. Wenn man jetzt einfach Kopf und Pfanne ersetzen würde, würde das natürlich auch nicht funktionieren, weil wir haben ja immer noch nicht die Sehnen. Und da gibt es den sogenannten umgekehrten Gelenkersatz, also die inverse Schulterprothese, wo wir Kopf und Pfanne tatsächlich austauschen.
Das heißt, da, wo früher die Pfanne war, kommt der Kopf hin und da, wo früher der Kopf war, kommt die Pfanne hin.
Julia Nogli:
Erstaunlich. Und das hat nochmal jetzt genau welchen Sinn?
Sophia Hünnebeck:
Das hat den Sinn, dass wir physikalisch das Schultergelenk ein bisschen überlisten, weil dadurch der Drehpunkt im Schultergelenk ein bisschen nach außen, ein bisschen nach unten versetzt wird. Das wiederum hat einen positiven Effekt auf den Deltamuskel, den großen Schulterhaubenmuskel, den man so spürt, wenn man von außen auf die Schulter fasst. Der hat normalerweise an der Armhebefunktion wenig Beteiligung, hilft ein bisschen bei der anfänglichen Hebung, aber dann ab der horizontalen, hat der normalerweise keine Funktion mehr.
Wenn wir aber den jetzt mit der umgekehrten Prothese den Drehpunkt verlagern, kann der Schulterhaubenmuskel mehr mitarbeiten. Das heißt, wir brauchen die Sehne der Rotatorenmanschette, die normalerweise den Arm heben und die jetzt ja nicht mehr funktionsfähig sind, nicht mehr, sondern der Deltamuskel kann das dann im Training später übernehmen. Und so kann man mit einer umgekehrten Prothese auch wieder die alltäglichen Arbeiten übernehmen, also sich die Haare kämmen, sich waschen, auch mal etwas in den Schrank räumen und das alles schmerzfrei.
Julia Nogli:
Aber vielleicht jetzt total Arm kreisen oder sowas vielleicht nicht, oder?
Sophia Hünnebeck:
Wenn man gut trainiert, schon. Also ich verspreche das immer nicht, oder sagen wir es anders. Die Studienlage ist so, dass eine Armhebung bis etwa 120 Grad zuverlässig erreicht werden sollte.
Das ist also etwas bisschen mehr als die horizontale. Und das ist das, womit man sich im Alltag genau durcharbeiten kann. Aber es gibt durchaus immer wieder Patientinnen und Patienten, die kommen und die auch den Arm mit dem Arm, das Ohr und Höhe erreichen, den Arm richtig heben können.
Julia Nogli:
Gut. Und wie lange hält das? Sie haben ja schon eine Weile jetzt Erfahrung mit der Endoprothetik auch an der Schulter.
Hält es dann für immer oder?
Sophia Hünnebeck:
Das kann das kann für immer halten. Das hat natürlich sehr, sehr viele Faktoren. Das hat zum einen den Faktor, wie alt man ist, wenn diese Prothese eingebaut wird.
Das ist klar. Die durchschnittlichen Standzeiten sind immer noch um die 15 bis teilweise 20 Jahre. Also das ist auch schon deutlich verbessert.
Und dann hat das sehr viele Einflussfaktoren und auch verschiedene Gründe, warum die Studienlage dann dünner wird. Ist natürlich so, dass als die Studien alle angefangen wurde, das darf man auch nicht vergessen, waren die Menschen deutlich älter. Wir waren noch etwas vorsichtiger vor 15, 20 Jahren mit dem Einbau dieser Prothesen.
Und man hat sich hat Menschen länger konservativ begleitet. Und sie überredet, es noch länger auszuhalten, bevor man sich der Prothese gewidmet hat. Und dadurch waren einfach auch nach 15, 20 Jahren viele Menschen natürlichen Alters verstorben.
Man konnte nicht weiter nachverfolgen. Das hat sich mittlerweile etwas verändert und wir konnten auch viele jüngere Patienten schon begleiten. Und dann gibt es durchaus die Tendenz, dass das auch deutlich länger halten kann.
Julia Nogli:
Und das wird auch schön begleitet mit Physiotherapie dann möglicherweise vorher und nachher.
Sophia Hünnebeck:
Ja, also vorher interessant, dass sie das ansprechen. Es gibt ja diese Tendenz zur Prähabilitation auch, dass man schon vorher Patientinnen und Patienten fit für die Operation macht. Das ist auch etwas, woran wir arbeiten, um das weiter zu optimieren, weil je fitter man in eine Operation geht und je besser die Muskulatur ist, desto schneller wird man natürlich danach auch wieder fit.
Und wenn mal die erste postoperative Phase von den ersten vier bis sechs Wochen herum ist, dann kann man in eine Rehabilitationsbehandlung gehen. Gerne auch stationär, wo man wirklich rund um die Uhr für die nächsten Wochen nochmal trainiert, um dann das optimale Ergebnis rauszuholen.
Julia Nogli:
Ja, für Sie klingt das ja schon sehr selbstverständlich und etabliert mit diesem Gelenkersatz in der Schulter. Für viel ist es, glaube ich, noch ganz ungewöhnlich. Und wann wäre denn der richtige Zeitpunkt dafür?
Also wie viel Schmerz muss ich haben oder welchen Leidensdruck, dass das jetzt wirklich die beste Lösung ist?
Sophia Hünnebeck:
Ja, das ist absolut immer die kritische Frage, auch in jeder Sprechstunde, die ich mit allen Patientinnen und Patienten erörtere. Am Ende des Tages ist es ein Puzzle, denke ich immer, aus dem persönlichen Leidensdruck. Und der kann natürlich sehr unterschiedlich sein.
Es gibt Menschen, die ertragen unterschiedlich viel Schmerz, haben aber auch einen unterschiedlichen Anspruch an ihr eigenes Leben natürlich. Und wenn ja, wenn der persönliche Leidensdruck da ist und sehr viele Dinge im Alltag nicht mehr funktionieren oder auch wichtige Hobbys nicht mehr gemacht werden können, dann ist definitiv auch von der Seite eine gute Indikation gegeben. Und auf der anderen Seite kommt dann immer wieder die Frage auf.
Aber jetzt bin ich so, ich finde gerade so das Alter zwischen 60 und 70. Ist interessant, weil dann viele sagen vielleicht ziehe ich es noch ein paar Jahre hin oder ich schaffe es noch über die 70 und dann, na ja, dann mit den Standzeiten, dann wird es schon irgendwie so ungefähr passen, salopp gesagt. Und da sage ich oftmals, dass man sich natürlich auch überlegen muss, wann man die guten Jahre haben möchte.
Dann quält man sich vielleicht noch einige Jahre. Aber auf der anderen Seite weiß auch ja niemand, was in den nächsten fünf bis zehn Jahren passiert. Man hat vielleicht dann andere Erkrankungen, die einem das Leben und dann auch entsprechend einer Operation schwer machen.
Und insofern, wenn der Leidensdruck da ist und natürlich auch alle Befunde dazu passen und das die richtige Indikation ist, dann sind die Prothesen mittlerweile so gut, dass man dann durchaus sich auch dazu entscheiden kann und dann davon sehr profitiert.
Julia Nogli:
Also nicht zu lange warten, sondern sich das Leben gegebenenfalls wieder erleichtern mit einer Schulterprothese oder einer Teilprothese, wenn das letztlich das einzige ist, was hier noch helfen kann. Und das hilft dann gut, wie wir gehört haben. Die Schulter war unser Thema heute und die ganze Sendung können Sie auch nachhören und Infos zum Immanuel-Krankenhaus Berlin.
Das finden Sie alles hier auf www.paradiso.de in der Mediathek. Haben Sie einen gemütlichen Abend mit Radio Paradiso.